Von den Kalendergeschichten zur konkreten Poesie

Johann Strutz

1. Einleitung

slolit.at, das Internetlexikon der slowenischen Literatur in Kärnten, Österreich, versammelt die Basisdaten zu den kärntnerslowenischen Autorinnen und Autoren des 20. und 21. Jahrhundert. Aufgrund der nationalen Teilung des slowenischen Sprachgebietes nach dem Ersten Weltkrieg kann erst ab 1920 von einer separaten Entwicklung als Teil der slowenischen Literatur die Rede sein. Ihr wirklicher Durchbruch gelang allerdings erst in den 1960er bis 1980er Jahren durch den Kreis um die Literaturzeitschrift mladje, und vor allem durch das Eintreten von Peter Handke, der ihr mit Übersetzungen von Florjan Lipuš’ Prosa und Gustav Januš’ Lyrik international zu Ansehen verhalf.

2. Grundlagen
Zu den vielschichtigsten Literaturregionen im heutigen Europa gehört trotz der relativ kleinen Bevölkerungszahl von rund zwei Millionen zweifellos auch die slowenische, die sich seit den Grenzziehungen von 1918-1920 aus vier nationalen Korpora zusammensetzt (in Slowenien, Ungarn, Italien und Österreich). Die slowenische Literatur war immer schon auf mehrere Zentren verteilt und daher auch eine mehrsprachige Kultur – seit den mittelalterlichen Anfängen und den Zeiten ihrer ersten neuzeitlichen Höhenflüge in der Reformation, der Romantik, der nationalkulturellen Neubestimmung im mittleren 19. Jahrhundert und der literarischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts. Sie ist von verschiedenen politischen, gesellschaftlichen, kulturellen und sprachlichen Faktoren der Kolonialisierung, Hegemonie und der regional unterschiedlich verlaufenden Emanzipation ihres Kulturraums geprägt. Diese Faktoren bestimmen die Literaturen der slowenischen Minderheiten in Italien und in Österreich zum Teil noch bis weit in das zwanzigste Jahrhundert.

3. Das Jahr 1920
Das Jahr 1920 und seine Folgen sind in der Geschichte der slowenischen Kultur in Kärnten der erste schwere, nationale, soziale und politische Konflikt, darüber hinaus und in der Folge auch ein Vertrauensbruch und Trauma für alle Angehörigen der Minderheit, verursacht durch die deutschnationale Landespolitik in Kärnten unmittelbar nach dem Plebiszit vom 10. Oktober 1920, das nur deshalb so ausging, weil ein großer Teil der slowenischsprachigen Bevölkerung für den Verbleib bei Österreich stimmte. Hier zeigte es sich doch, dass die alte Nationalitätenpolitik der Monarchie gerechter war als das neue Gesetz, denn damals gab es eine Gleichstellung aller „landesüblichen Sprachen“ bei Gericht, Ämtern und Schulen. Ganz anders im Staatsvertrag von St. Germain: keine Garantien mehr für den Bestand der Volksgruppen, keine Vorschriften über die Amtssprache; die slowenische Bevölkerung musste erstmals in ihrem autochthonen Gebiet den Nachweis ihrer Existenz erbringen, und die öffentlichen Einrichtungen in Südkärnten verloren ihren zweisprachigen Status.
Die postplebiszitäre Kärntner Kulturpolitik erwies sich als Präludium der nationalsozialistischen Ära, denn die Zeit zwischen 1918 und 1945 konfrontierte in Kärnten vor allem die Angehörigen der Minderheit, insbesondere deren politische und kulturelle Intelligenz, mit einschneidenden Erfahrungen – Repression, Verfolgung, Vertreibung, Deportation, Tod oder Exil – und brachte die slowenische Kultur in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts an den Rand des Verstummens. Infolge dieser Situation war die slowenische Literatur in Kärnten gezwungen, in extremer Reduktion und sogar im Untergrund zu überwintern: in der formelhaften Sprache des Gebets, der Mündlichkeit, der Beschränkung auf den familiären Bereich und die intime Schrift des Tagebuchs – auch die größte Autorin dieser Zeit, Milka Hartman, schrieb einige ihrer Texte unter den Bedingungen der Zensur und Verfolgung. Andere Autoren, wie etwa der bedeutende Kärntner Lyriker Fran Eller, zogen die Flucht und Emigration nach Slowenien vor.

4. Nach 1945
Die Lage der slowenischen Literatur in Kärnten wird nach 1945 zunächst vor allem durch die großen persönlichen, kulturellen und materiellen Verluste bestimmt, die von der slowenischen Bevölkerung zwischen 1918 und 1945 infolge von Emigration, Vertreibung und Vernichtung des größten Teils der slowenischen Intelligenz hingenommen werden mussten. Dieses Faktum ist in Verbindung mit dem steigenden Assimilationsdruck ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch einer der Gründe, dass erst seit den 1960er Jahren eine literarische Erneuerung und damit verbunden ein Aufholprozess einsetzen konnte.
Es bedurfte eines kollektiven Kraftaktes, um die slowenische Kultur aus der Starre der Nachkriegsjahre zu reißen. Dies konnte nicht von den wenigen verbliebenen Vertretern der älteren Generation erfolgen. Mit dem Auftritt der ehemaligen Schüler und Zöglinge des Gymnasiums und Internats auf dem Tanzenberg/Plešivec bei Maria Saal/Gospa Sveta, unweit der damals fast schon mythischen Stätte der slowenischen Herzogseinsetzung am Fürstenstein bei Karnburg/Krnski Grad am Rande des Zollfelds, erfolgte ein kultureller Umschwung, und abermals auf publizistischer Ebene, wie ein Jahrhundert zuvor, nämlich durch die Gründung der Zeitschrift mladje (Nachwuchs, Jungholz) im Jahre 1960, zeitgleich und in Analogie zum deutschsprachigen Aufbruch in den Grazer manuskripten.
Die überregionalen thematischen Konstanten hatten zwar nach wie vor eine Funktion im Rahmen der neuen Positionsbestimmung der slowenischen Kultur in Kärnten (unter anderem auch durch die intensive Rezeption der slowenischen Literatur eines Prešeren, Cankar, Župančič, Murn, Prežihov Voranc oder eben auch Fran Eller); wichtig werden nun aber besonders die historischen und nationalitätenpolitischen Gegebenheiten, Einschnitte und Zäsuren sowie die sozialgeschichtlichen Voraussetzungen der slowenischen Kultur in Kärnten für die Literaturproduktion, die Entwicklung, Beibehaltung oder Aufnahme von Schreibstilen, Formen und Gattungen. So ist etwa das Fehlen eines professionellen Theaterbetriebs (trotz reicher Amateurtheatertradition vor allem im Jaun- und Rosental) wesentlich auf sozialgeschichtliche Momente wie den Stadt-Land-Gegensatz und das Verhältnis von Bauernschaft und Bürgertum etc. zurückzuführen, ebenso ließe sich die Dominanz der slowenischen Lyrik gegenüber der Prosa gerade in Kärnten auf die sozialgeschichtlichen bzw. soziolinguistischen Faktoren der kulturellen Praxis beziehen.

5. Tradition und Moderne, Ästhetik und Engagement: Die mladje-Generation tritt auf
Bis zum Auftreten der Generation von 1960 – gruppiert um die im Jahr 1960 von Florjan Lipuš, Erik Prunč und Karel Smolle gegründete Zeitschrift mladje, die ihrerseits einen Vorläufer in der Tanzenberger Gymnasialzeitschrift Kres hatte – herrschte aus verschiedenen Gründen ein sprachlich, stilistisch und thematisch sehr einfaches, national und religiös erbauliches Literaturkonzept vor. Es ist im Prinzip jenes Konzept, das von der Gattung der sogenannten „Večernice“ (Abendgeschichten) propagiert wurde, die sich in der gleichnamigen Buchreihe des Hermagoras Verlags zur kanonischen Form populärer Unterhaltungs- und Erbauungsliteratur entwickelt hatte.
Zweifellos wurde durch die immense Verbreitung dieser Belletristik ein unüberschätzbarer Beitrag zur Erhaltung der slowenischen Sprachkultur in Kärnten geleistet. Es darf auch nicht vergessen werden, dass die slowenische Kultur bis in die Mitte des. 20. Jahrhunderts fast ausschließlich im ländlichen und bäuerlichen Bereich verankert war. Exemplarische Beispiele für diese Richtung sind die Erzählungen von Kristo Srienc, die – zwischen Fiktion und ethnographischer Bestandsaufnahme schwankend – zugleich den Endpunkt dieser Tradition markieren.
Traditionalismus als Überlebensstrategie der slowenischen Minderheit in Kärnten? Die minoritäre und hegemoniale bzw. koloniale Situation, in der sich die slowenische Kultur in Kärnten befand, hatte zur Folge, dass sich die slowenischen Kulturprogramme vornehmlich auf die Rettung, Erhaltung und Pflege der Tradition konzentrierten.
Zum Mitarbeiterkreis von mladje stießen kurz nach der Gründung u. a. Gustav Januš (redaktionell auch für die Lyrik zuständig), Andrej Kokot, Janko Messner (redaktionell auch für die Prosa zuständig) und Valentin Polanšek. Wie schwer es unter diesen Bedingungen war, neue Schreibweisen, Tendenzen der Moderne – hüben wie drüben, im slowenischen und im internationalen Rahmen – aufzunehmen und durchzusetzen, zeigen nicht nur die internen Diskussionen im Redaktionsteam zwischen Januš, Lipuš, Messner und Prunč, sondern auch die ständigen Auseinandersetzungen, die Lipuš als Herausgeber und leitender Redakteur des mladje sowie als Autor mit der slowenischen Kulturpolitik hatte, was später schließlich dazu führte, dass er 1981 die Herausgeberschaft zurücklegte. Es ist kaum übertrieben, wenn er noch 1984 aus der Perspektive seiner Kritiker schreibt: „Wir wollen unsere Kultur nicht ans europäische Niveau anpassen, mit allen Kräften schreiben wir sie auf die Ebene der Sakristeien und Beichtstühle fest.“ (O tem, kako na Koroškem doraščamo [Darüber, wie man in Kärnten aufwächst]. In: Naši razgledi, Ljubljana, 27. 1. 1984). Die Zeitschrift mladje war somit Ausdruck der Opposition gegen den herrschenden Kulturbetrieb und die Funktionalisierung der Literatur für gesellschaftspolitische Zwecke.
Die Zeitschrift war daher in erster Linie ein ästhetisches und kulturpolitisches Forum für literarische Experimente, aber nicht um den Rückstand der slowenischen Literatur in Kärnten durch das Verharren in vergangenheitsorientierter Abwehrhaltung noch zu vergrößern, sondern um durch die Rezeption internationaler Tendenzen neue Identifikationsmöglichkeiten zu ermöglichen. Ähnlich argumentierten in den sechziger Jahren auch die Autoren der manuskripte, wenn sie für ästhetische Autonomie eintraten, wie etwa Peter Handke im Essay Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms, wo er vom „Zerbrechen aller endgültig scheinenden Weltbilder“ spricht.
Die an der Zeitschrift mitwirkenden Autoren und deren publizistische und literarische Arbeiten veränderten in den zwei Jahrzehnten der Redaktionsleitung von Lipuš (1960 bis 1981) die literarische Szene und die slowenische Literatur in Kärnten grundlegend, sowohl auf der Ebene der Texte wie auch im Bereich des Verlags- und Zeitschriftenwesens. Während zuvor das erbauliche, kulturell konservative Literaturkonzept vertreten war, getragen vom Hermagoras Verlag und der Zeitschrift Dom in svet (Heim und Welt) bzw. Družina in dom (Familie und Heim), knüpfte der mladje-Kreis in allen literarischen Gattungen (erinnert sei hier insbesondere an die Lyrik von Erik Prunč) und auch in der Essayistik und Programmatik bewusst beim ästhetisch ambitionierten Literaturkonzept an, das es in der slowenischen Literatur spätestens seit France Prešeren gegeben hat, dessen Entwicklung in Kärnten aber in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts zum Stillstand gekommen war.
Das Profil des mladje in den ersten zwanzig Jahren seines Bestehens ist im typologischen Vergleich mit der deutschsprachigen Literatur in Österreich höchst aufschlussreich und signifikant für einen minoritärkulturellen Literaturbetrieb. Ähnlich wie in der ebenfalls 1960 gegründeten Grazer Literaturzeitschrift manuskripte, wo die deutschsprachige Neoavantgarde vertreten war, wurden auch hier die für diese Zeit entscheidenden Diskussionen über Begriffe, Funktionen, Ästhetiken und Programme der Literatur und Kunst geführt (insbesondere durch Messner und Prunč). Dabei zeigt sich ein deutlicher Unterschied zwischen den beiden Zeitschriften. Zwar bevorzugte auch die Kärntner Literaturzeitschrift eine vor allem ästhetisch ambitionierte, in sozialkritischer Hinsicht funktional gesellschaftspolitisch engagierte Literatur, doch als Redakteure und Publizisten traten Lipuš und vor allem Janko Messner auch für ein konkretes kulturpolitisches Engagement ein.
Für die Autoren des mladje ist die traditionelle Kultur daher nicht länger eine verbindliche Norm, sondern ein Fundus an vornehmlich sprachlichem Material, das man zitieren, verwenden, umformen, ausstellen, parodieren kann. Der Zugang zur Tradition und zur Überlieferung ist nicht ehrfürchtig-bewahrend, sondern respektlos-experimentell. Diese Kluft zwischen Bewahrung, auch um den Preis der Folklorisierung, und Innovation, um den Preis allgemeiner Verständlichkeit, ist in Kärnten in den 60er, 70er und noch in den 80er Jahren stilbestimmend. So ist etwa festzustellen, dass die meisten Lipuš-Texte von vielen heimischen Kritikern zwar als ästhetisch anspruchsvoll gelobt, wegen ihrer sprachlichen Radikalität, ihres Pessimismus und ihres Antiklerikalismus aber auch heftig kritisiert und abgelehnt wurden. Auch die Satiren und Grotesken von Janko Messner sind gegen diese Erwartungshaltung geschrieben.

6. Zwischen Literatur und Dokumentation
War die religiös und national erbauliche Prosa der Vorzeit, wie sie sich in der Večernice-Literatur manifestierte, sozusagen eine Fortsetzung des Gottesdienstes mit anderen Mitteln, so favorisierte die andere Seite des ideologischen Spektrums das gesellschaftlich und politisch engagierte Literaturkonzept, das vor allem vom Drava Verlag und den Zeitschriften mladje und Kladivo (Der Hammer) getragen wurde und zu einem beträchtlichen Teil aus dokumentarischer und sozialrealistischer Prosa bestand. Dabei ging es größtenteils um die nationale Chronik, die Aufarbeitung und zugleich Schaffung einer identitätsstiftenden kulturellen Tradition. Wie an einer Schnur ließen sich hier anhand der bestimmenden Jahreszahlen die repräsentativen Werke aufzählen: von Peter Mohars autodidaktischem Meisterstück Med nebom in peklom. Pričevanje iz plebiscitnega leta (Zwischen Himmel und Hölle: Ein Zeugnis aus dem Plebiszitjahr, 1986) zu den Romanchroniken Valentin Polanšeks über die Zeit des Nationalsozialismus, Andrej Kokots Erinnerungen an die Aussiedlung, bis hin zu den ideologie- und gesellschaftskritischen „Tschuschen-“ und ideologiekritischen „Heimatgeschichten“ von Florjan Lipuš und Janko Messner rund um die 70er Jahre. In diesen Kontext gehören auch die Erinnerungsbücher von Helena Kuhar und Karel Prušnik Gašper, die in beiden Sprachen veröffentlicht wurden – wie die meisten Werke von Janko Messner, der mit der Dokumentation Morišče Dravograd/Hinrichtungsstätte Dravograd 1941–1945 aus dem Jahr 1946 den Anfang gemacht hatte. Noch in den letzten zehn Jahren erschienen wieder mehrere wichtige Dokumentarwerke zur Geschichte der slowenischen Kultur in Kärnten während der Zeit des Nationalsozialismus (u. a. von Andrej Kokot, Lipej Kolenik und Anton Haderlap).
Diese autobiographischen bzw. dokumentarischen Werke sind, ähnlich wie die als literarisch und dokumentarisch zu wertenden Erzählungen Polanšeks (Velike sanje malega človeka – Große Träume des kleinen Mannes, 1973), nicht nur Dokumentarliteratur, sondern lassen sich bis zu einem gewissen Grad als literarisierte, mit spezifischen Figurenkonstellationen arbeitende Darstellungen exemplarischer historischer und biografischer Situationen ihrer Autoren lesen, in ihnen schlägt sich die Ideologie des jeweiligen politischen Feldes nieder.
Dies sollte freilich nicht zu eng gesehen werden, da auch im Hermagoras Verlag Memoiren und Dokumentarliteratur veröffentlicht wurden, wie etwa Mirko Kumers Erinnerungsbuch Po sili vojak (Soldat wider Willen, 1969). Die zitierten Titel gehören darüber hinaus zu einem weit verbreiteten Genre, das nicht nur von immensem zeithistorischem Interesse und Wert ist, sondern nachdrücklich zeigt, wie stark der Bezug zu Schriftlichkeit und Literatur in der breiten slowenischen Öffentlichkeit verankert ist. Es ist der „Humus“, aus dem die singulären literarischen Talente hervorgingen.

7. Zwei Schreibweisen, zwei Literaturkonzepte
Die zwei produktivsten Autoren der modernen slowenischen Literatur in Kärnten am Beginn der literarischen Neupositionierung im mladje-Kontext sind zweifellos Florjan Lipuš (geb. 1937) und Janko Messner (geb. 1921). Sie lassen sich als Exponenten zweier Schreibweisen und Literaturkonzepte betrachten, die über alle Periodisierungen hinweg als programmatische Konstanten der slowenischen Literatur in Kärnten erscheinen. Da sich in ihrem Werk auf exemplarische Weise die regionale Problematik mit der Frage nach der ästhetischen Autonomie verknüpft, sollen in den nächsten zwei Abschnitten einige Charakteristika ihres Schreibens hervorgehoben werden.

7.1 Die aufklärerische Intention von Janko Messner
Gegen Ende der sechziger Jahre führte die volksgruppenpolitische Situation zur Politisierung der gesamten Linie der Zeitschrift mladje, wodurch sie im weiteren Verlauf zum Sprachrohr einer über den künstlerischen und kulturellen Bereich hinausgehenden „Bewegung“ wurde. Das war die Stunde von Janko Messner. Er wurde gerade durch die Ereignisse der Jahre 1970 (die nationalistischen Volksabstimmungsfeiern des Abwehrkämpferbundes und des Heimatdienstes), 1972 (die gewaltsame Beseitigung der staatsvertraglich zugesicherten zweisprachigen topografischen Aufschriften, sog. Ortstafelsturm) und 1976 (die „Volkszählung besonderer Art“) zu intensiver literarischer und publizistischer Stellungnahme herausgefordert. Als „Integrationspunkt“ (Helga Mračnikar in ihrer Dissertation über die Zeitschrift, 1981) dieser sowohl volksgruppen- wie auch landespolitisch engagierten Phase der Zeitschrift bestimmte Janko Messner von 1970 bis in die achtziger Jahre das Redaktionsprofil sowie die kulturpolitischen, literaturkritischen, ästhetischen und poetologischen Diskussionen der „Gruppe“ maßgeblich mit (in literaturtheoretischen und kritischen Diskussionsbeiträgen vereinzelt schon seit Mitte der sechziger Jahre).
Messners literarische Aktivitäten intensivierten sich besonders in der ersten Hälfte der siebziger Jahre, genauer gesagt seit dem Plebiszitjubiläumsjahr 1970, als er sein erstes deutschsprachiges Buch veröffentlichte, die Prosasammlung Ansichtskarten von Kärnten (hingewiesen sei hier insbesondere auf die Erzählung Vaterunser in der „Ansichtskarte“ Klagenfurt 1935). Wie zuvor schon Milka Hartman in ihrer sozialkritischen Lyrik (Pesmi z Libuškega puela), setzte auch Messner den slowenischen Dialekt seiner Südostkärntner Herkunft ein, z. B. in seiner satirischen Prosa Iz dnevnika Pokržnikovega Lukana (Aus dem Tagebuch des Pokržnikov Luka, 1974; übers. 1998) und als regionalsprachliches Zitat auch in einigen anderen Texten, worin sich ein regionaler, im „common sense“ des Dialekts zum Ausdruck kommender Adressatenbezug und eine ideologiekritische und „aufklärerische“ Intention manifestieren.
Im Kontext der Kärntner slowenischen Literatur zeichnet sich Messners Werk durch zwei wichtige innovatorische Merkmale aus, ein inhaltliches und ein gattungsspezifisches: Zum einen arbeitet er in vielen seiner Kurzgeschichten und Novellen mit dem auch in der älteren slowenischen Literatur ebenso wie in der deutschsprachigen österreichischen Literatur oder bei Brecht erkennbaren Dorfgeschichten- oder Parabelmodell, das er allerdings sehr stark ins Groteske und Satirische weiterentwickelt, und zwar nicht nur im Sinne einer Kritik an der deutschnationalen Germanisierungs- und Assimilierungspolitik, sondern auch durchaus kritisch gegen die Passivität und Lethargie seiner eigenen Gruppe gerichtet, sei es in den Ansichtskarten von Kärnten (auf deutsch am 10. Oktober 1970 beim Verlag Obzorja in Maribor erschienen), im Kärntner Heimatbuch (1980) – mit so wichtigen Erzählungen und Parabeln wie „Vaterunser“, „Hiob“, „Die Eiche und die Linde“ oder „Der taube Hain in Kärnten“) – oder auch in den beiden slowenischen Erzählbänden Skurne storije (Schieche Geschichten, 1971, erw. Ausgabe 1975) und Gorše storije (Feschere Geschichten, 1988). Die Prosatexte werden durch die konkreten sprachlichen und thematischen Bezüge zu einer Art Hauspostille, zu einem alternativen Lese- und Aufklärungsbuch sowohl für die deutschsprachige wie auch für die slowenische Bevölkerung. Hinzu kommt bei ihm ein über die Kärntner Region hinausgehendes internationales solidarisierendes Engagement, das zum einen die nationalitätenpolitische Situation Kärntens im überregionalen Kontext bekannt macht und diese andererseits auch mit den Repressionszusammenhängen auf internationaler Ebene in Verbindung bringt.
Das zweite, für die slowenische Literatur Kärntens besonders wichtige Merkmal besteht darin, dass Messner der einzige Kärntner slowenische Autor ist, der auf ein umfangreiches dramatisch-szenisches Werk hinweisen kann (eines seiner Stücke, Ekstremist Matija Gubec – Der Extremist Matija Gubec, 1974 –, entstand in Zusammenarbeit mit Florjan Lipuš). Allein die Sammlung von Messners szenischen Texten, Dramen und Dramoletten aus den Jahren 1973 bis 1995 (Kadar nam Drava nazaj poteče. Dramska besedila 1973-1995, Drava Verlag 1997) umfasst neun Stücke, darunter das oft gespielte „Gespräch in der Gebärmutter einer Kärntner Slowenin“ (Pogovor v maternici koroške Slovenke) und das im Jahr 1976 in Ljubljana für das Fernsehen verfilmte Drama Vrnitev – Rückkehr. Das Stück erhielt am 14. Internationalen Fernsehfestival 1977 in Prag unter 48 eingereichten Fernsehdramen aus 30 Ländern den Preis „Zlata Praha“ (Das goldene Prag) für das beste Drehbuch. Österreichweit wurde dieses Stück vom ORF bis heute nicht gesendet, was offensichtlich mit der behandelten Thematik, der Unterdrückung, Vertreibung, Aussiedlung, Enteigung sowie dem Widerstand der slowenischen Minderheit in Kärnten gegen den Nationalsozialismus zu tun hat (daher retournierte Messner 2002 dem Bundespräsidenten aus Protest das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse). Auf Einladung der Österreichischen Kulturinstitute las Janko Messner an den Universitäten Prag, Miskolc, Budapest, Strasbourg und Istanbul, wo auch einige seiner Übersetzungen seiner ausgewählten Gedichte erschienen sind. Bei der Frankfurter Buchmesse 1995 wurde sein Monodrama XY ungelöst/XY nerešeno von Marjan Hinteregger zur Aufführung gebracht, ebenso in Klagenfurt/Celovec und St. Johann i. R./Šentjanž v Rožu (»Es entsteht ein kleines österreichisches Welttheater, in dem Marjan Hinteregger dem Publikum ein schillerndes Panoptikum von Grauen und Grusel herbeizaubert (...) Mit ein bisschen Glück wird ›XY ungelöst‹ zum modernen Klassiker, das Stück hätte das Zeug dazu.« J. Str., Kl. Zeitung, Okt. 1995).
Wie die Prosaliteratur und die zahlreichen essayistischen, kritischen, gesellschaftspolitischen und polemischen Schriften, hat auch das durch die szenische Aufführung noch um einiges stärker wirkende Drama bei Janko Messner eine aufklärerische Intention über die in der Kärntner und österreichischen Geschichte die längste Zeit totgeschwiegene oder verschämt verharmloste Zeit des Nationalsozialismus. Dies wird in einigen Fällen auch verstärkt durch explizite Kommentare des Autors, wie etwa in dem ausführlichen Begleitwort zum Fernsehfilm Vrnitev (Rückkehr), veröffentlicht 1986 in der erweiterten Ausgabe des Kärntner Heimatbuches. Damit steht Messner im Zentrum der von der Zeitschrift mladje ab den siebziger Jahren eingenommenen Position. Eine ganz andere, spielerische Sprache und Aussage findet sich vor allem in seiner späteren Lyrik, die in mehreren Sammlungen und zum Teil auch in mehrsprachigen Übersetzungen erschien, mit denen er auch internationale Anerkennung fand, darunter Pesmi in puščice (Gedichte und Pfeile, 1991, ausgezeichnet 1995 mit dem 1. Preis Zlati Aritas/Goldene Satire auf der I. Slowenischen Triennale der Satire und des Humors) Nikaragva moja ljubljena (Nicaragua, mein geliebtes, zusammen mit Ernesto Cardenals Psalmi, 1986), Gedichte/Pesmi/Canti, (1996); Politična pesem – grda pesem/Politisch Lied – ein garstig Lied. Satirische Gedichte, (2007).

7. 2. Die romaneske und lyrische Prosa von Florjan Lipuš
Einige der gesellschaftspolitisch engagierten, sozial und kulturkritischen Texte oder Textpassagen von Lipuš und Messner lassen sich sowohl als unmittelbar gesellschaftskritische Literatur „ad rem“ wie auch als literarische Grotesken interpretieren und überschreiten so die Grenze zwischen literarischem Anspruch und tagesaktuellem Engagement. Zu bedenken ist ferner, dass die Zeitschrift mladje als Sprachrohr einer „kleinen Literatur“ – zu deren Merkmalen nach Kafka der „Zusammenhang mit der Politik“ gehört – schon aus existentiellen Gründen zu politischem Engagement gezwungen war, ganz abgesehen davon, dass es sich um die Zeitschrift der Avantgarde der Volksgruppe handelte.
In ästhetischer Hinsicht kamen wichtige Impulse zweifellos bereits aus der ersten Phase der Zeitschrift. Sie kulminierte in drei Buchpublikationen – dem 1964 veröffentlichten Prosaband Črtice mimogrede (Skizzen im Vorübergehen) von Boro Kostanek (Florjan Lipuš) sowie den 1965 erschienenen Lyrikbänden Tihožitja (Stilleben) und Ujeti krik (Der gefangene Schrei) von Niko Darle (Erik Prunč) und Miško Maček (Karel Smolle); auch das Drama Mrtvo oznanilo (Tote Verkündigung) von Lipuš gehört in diesen Kontext (diesem Text steht auf der anderen Seite die Szenenfolge Škornji –Die Stiefel, 1973 – gegenüber, ein dramatisierter Bericht über die Ermordung der Peršman-Familie durch Nationalsozialisten). Obgleich diese frühen Arbeiten keine unmittelbare Fortsetzung erfuhren – abgesehen von Lipuš –, wurden mit ihnen und durch die konstruktive Irritation, die von ihnen ausging, die Voraussetzungen für die heutige slowenische Literatur in Kärnten geschaffen.
War die Zeitschrift mladje, das Symbol für die neue slowenische Literatur in Kärnten und deren Ausbruch aus den Zwängen des kulturkonservativen Gebrauchsschrifttums, auch aufs engste mit Florjan Lipuš verbunden, so zwangen ihn die redaktionellen und organisatorischen Verpflichtungen und die damit zusammenhängende Publizistik, die allein schon mehrere Bände füllen würde, die eigenen literarischen Arbeiten hintanzustellen, was sich an der raschen Folge der Buchveröffentlichungen bemerkbar macht, als er 1981 die Herausgeberschaft zurücklegte. Seine sieben Romane zeichnen ein vielschichtiges Porträt der slowenischen Kultur in Kärnten, ohne sich in ethnokultureller Selbstgenügsamkeit zu erschöpfen.
Die Texte von Lipuš sind daher dialogisch in zweifacher Hinsicht: indem sie einen Dialog zwischen der von Mal zu Mal aktualisierten „eigenen“ kulturellen Überlieferung und deren ästhetischer Reflexion im Medium eines neuen Stils suchen und indem sie kulturspezifische Mythen (Kralj Matjaž, Miklova Zala, Matija Gubec), Literaturkonventionen (Večernice; traditionalistische Topik) und Klischees, soziale Verhaltensweisen, Normen und Werte (Fetischisierung und Sakralisierung der Tradition; Passivität; Leidens- und Opferthema; Repression der Sexualität; Funktionalität und „Positivität“ der Literatur) ironisch, satirisch, parodistisch und „karnevalistisch“ in Frage stellen oder mit dem für die Volksgruppenrealität signifikanten Schwanken zwischen Rebellion und Resignation kontrastieren. Gegen die Diktatur der eigenen Kulturpolitik setzen sie ein Verfahren, das „Tradition ins Bewusstsein hebt, ohne sich ihr zu beugen“ (Theodor W. Adorno: Über Tradition. In: Ohne Leitbild. Parva Aesthetica. Frankfurt/M., Suhrkamp, 1967, S. 37).
Diese Art ideologiekritischer Ironie zeigt sich auch in jenem Roman, dessen Übersetzung dem Autor und mit ihm der Kärntner slowenischen Literatur erstmals internationales Ansehen brachte: Der Zögling Tjaž, so der Titel der 1981 im Salzburger Residenz Verlag erschienenen Übersetzung von Peter Handke und Helga Mračnikar. Die slowenische Erstausgabe Zmote dijaka Tjaža (Die Verirrungen des Gymnasiasten Tjaž), die zehn Jahre früher (1972) herausgekommen war, hatte nur geringes Interesse hervorgerufen. Wie die Rezeption heute zeigt, kommt keinem anderen Werk der slowenischen Literatur in Kärnten eine vergleichbare Funktion zu wie dem Tjaž: Als Symbol des gesellschaftlichen und ästhetischen Widerstands und zugleich der literarischen Modernität innerhalb einer bis dahin kaum rezipierten Regionalliteratur wird der Roman zu einem schier unüberbietbaren Monument, zu einem literarischen Mythos. Er ist dadurch gewissermaßen zum Symbol der modernen slowenischen Literatur in Kärnten geworden. Unabhängig von seiner Bedeutung für das slowenische Milieu liegt das ästhetische Novum dieses Romans in der ambitionierten sprachlichen und narrativen Verfahrensweise.
Der Tjaž und die nachfolgenden sechs Romane – Odstranitev moje vasi (Die Beseitigung meines Dorfes), Jalov pelin (Fruchtloser Wermut bzw. Die Verweigerung der Wehmut), Prošnji dan (Der Bittag bzw. Die Regenprozession), Srčne pege (Herzflecken), Stesnitev (Die Verengung bzw. Verdächtiger Umgang mit dem Chaos) und Boštjanov let (Boštjans Flug) –, für die der Autor im Jahr 2004 mit dem höchsten slowenischen Literaturpreis, dem Prešeren-Preis ausgezeichnet wurde, ergeben ein vielschichtiges Bild des Slowenischen in Kärnten: Scheitern im Internat, dörfliche Enge, die Archäologie der gesellschaftlichen Sprachlosigkeit, Ausgrenzung und Spuren der Unterdrückung des Subjekts in der regionalen Vorgeschichte und schließlich die mörderische Verfolgung der slowenischen Kultur im Nationalsozialismus. Alle diese Zusammenhänge verbinden sich im Prosawerk von Lipuš in unterschiedlicher Intensität und Konstellation mit zahlreichen poetischen Chiffren, besonders im letzten Roman, Boštjans Flug, in dem der Autor sein Kindheitstrauma, die Deportation, Ermordung und den Tod seiner Mutter im Konzentrationslager Ravensbrück, aus der Perspektive des heranwachsenden Knaben Boštjan thematisiert.
Allen Texten von Lipuš – aber auch den Texten von Messner, Kokot und Januš (um bei der ersten mladje-Generation zu bleiben) –, ist eines gemeinsam: die Überzeugung, dass ein allgemein gültiges Kriterium von Literatur und zugleich das Existenzkriterium der Kultur an die Lebenskraft der Sprache gebunden ist. Eine Ahnung von den Gründen und Abgründen dieser Nachbarschaft sprachlicher Ästhetik und kultureller Marginalität vermittelt fast unfreiwillig der slowenische Interviewpartner von Florjan Lipuš, Peter Kolšek, anlässlich der Bekanntgabe der Zuerkennung des Prešeren-Preises am 13. Dezember 2003 in der Literaturbeilage der Zeitung Delo: „Eine solche Sprache schreibt sonst niemand – und sie wird in seinen Büchern weiterleben, wenn das Slowenische in Kärnten nur noch Erinnerung sein wird.“

8. Perspektiven der slowenischen Gegenwartsliteratur in Kärnten
Ab dem Heft 43 (August 1981) wurde mladje von einer Interessensgemeinschaft der jüngeren – um 1960 geborenen, zum größten Teil aus dem Slowenischen Gymnasium/Zvezna gimnazija za Slovence hervorgehenden Generation von Schreibenden und Kunstschaffenden gestaltet, u. a. von Jani Oswald, Rudi Benétik, Jožica Čertov, Maja Haderlap, Kristijan Močilnik, Cvetka Lipuš und Fabjan Hafner (zu nennen ist hier auch Franc Merkač, der in seinen neueren Texten transmediale Verfahrensweisen einbezieht). Von den älteren Autoren verblieben Janko Messner, der auch einige Jahre bei Redaktion und Lektorat mitarbeitete, Andrej Kokot und Valentin Polanšek. Trotz vieler interessanter literarischer und essayistischer Beiträge, vor allem aus der Gruppe des Redaktionsteams, sowie von Gastautoren aus Österreich, Slowenien und Italien, kam das Projekt jedoch nach einigen Jahren ins Stocken.
In einem zweiten Anlauf unternahm Maja Haderlap im Jahr 1990 noch einen Rettungsversuch, um durch die Zusammenarbeit mit slowenischen Intellektuellen aus Italien ein neues Konzept zu entwickeln. Es sollte sich von den beiden vorhergehenden durch ein interregionales Profil unterscheiden, die Zeitschrift zu einem literarischen und kulturkritischen Forum der slowenischen Literaturen in Friaul-Julisch Venetien und Kärnten ausgebaut werden. In der redaktionellen Vorbemerkung Haderlaps zum ersten Heft der neuen Serie (68/1990) wird dieses interkulturelle Programm in seinen Umrissen vorgestellt. Dabei greift die Herausgeberin auch auf frühere Erfahrungen und ältere Kontakte zurück, wie ein Blick in die Hefte der achtziger Jahre zeigt, wo unter anderem über Symposien und Schriftstellertreffen zu Fragen der regionalen Identität, zum Verhältnis von Peripherie und Zentrum berichtet wird. – Doch auch dieser Ansatz stagnierte nach wenigen Heften. Seit 1992 erscheint mladje nicht mehr.
Obwohl mladje anfangs die Funktion hatte, in Opposition gegen den herrschenden Kultur- und Bildungsbetrieb den künstlerischen Rückstand der slowenischen Kultur in Kärnten aufzuholen, war doch erkennbar, dass sich die politische und literarische Situation sehr geändert hatte und die Zeitschrift in den neunziger Jahren dadurch viel von ihrer seinerzeitigen ästhetischen und gesellschaftlichen Relevanz und Anstößigkeit eingebüßt hatte. Das liegt vermutlich auch daran, dass die jüngere Generation nun ohne Schwierigkeiten Publikationsmöglichkeiten in allen slowenischen und auch in deutschsprachigen Zeitschriften wahrnimmt, wobei sich aus diesem erweiterten, über- und interregionalen Rezeptionsraum auch Rückwirkungen auf die Literaturproduktion ergeben.
Nicht zu übersehen ist, dass sich seit einigen Jahren wichtige künstlerische Aktivitäten auch neben der Literatur abspielen. Außer dem nach wie vor höchst lebendigen Gebiet der bildenden Kunst (u. a. Valentin Oman, Gustav Januš, Rudi Benétik) und neuerdings der Musik (Emil Krištof, Gabriel Lipuš) ist hier auch das Theater zu erwähnen: nach den älteren Arbeiten und den Bemühungen der mladje-Theatergruppe (Oder mladje) und des regen Amateurtheaters galt in den 90er Jahren dem Tanztheater Ikarus, geleitet von Zdravko Haderlap, das größte Interesse. Einen überraschenden Aufschwung erfährt heute der Film, der sich vor allem durch die Initiative von Miha Dolinšek im Lauf des vergangenen Jahrzehnts entwickeln konnte.
Bei der jüngeren Generation von Schreibenden, die überwiegend sowohl in den Genuss einer slowenischsprachigen schulischen wie einer deutsch- oder sogar slowenischsprachigen universitären Ausbildung kam, stellt sich das Problem heute obendrein noch etwas anders. Einige aus dieser Generation (Ferk, Haderlap, Hafner, Oswald) übersetzen nicht nur eigene oder Texte ihrer slowenischen Kollegen ins Deutsche, sondern veröffentlichen zunehmend auch deutschsprachige Originaltexte (von den älteren Autoren nur Janko Messner). Dies kann z. B. bei Oswald auch am Material und an der poetischen Verfahrensweise liegen, also darauf zurückzuführen sein, dass sich experimentelle Poesie nicht in dem Maße „übersetzen“ lässt wie Texte, bei denen es vorwiegend auf narrative Zusammenhänge ankommt, es ist aber auch eine Folge der Integration im bikulturellen Produktions- und Rezeptionskontext. Erste Ansätze einer Reflexion auf die (literarische) Zweisprachigkeit finden sich bei Janko Messner im Essay „Von meinem Verhältnis zu den beiden Sprachen Slowenisch und Deutsch“ (1986).
Dieses sukzessive Schreiben in zwei Sprachen oder simultane zweisprachige Schreiben verleiht der Kärntner Gegenwartsliteratur eine neue polyphone Qualität. Thematisieren Januš, Lipuš, Messner und andere Autoren ihrer Generation die kulturelle Tradition als sprachlich vorgeformtes Material, als traditionalistischen oder nationalistischen Diskurs, wobei sie durch die Radikalität ihrer literarischen Analyse auch die Konturen einer erstarrten, abstrakten Gesellschaft mitzeichnen, so tun die jüngeren Generationen es im Modus des literarischen Dialogs mit verschiedenen gesellschaftlichen Sprachen und Konventionen. Am konsequentesten zeigt sich dies in den Texten von Jani Oswald, der das kritische Sprachspiel und die experimentellen Techniken der Konkreten Poesie zur Analyse der Kärntner Zweisprachigkeit einsetzt und die Sprachgrenzen überschreitet. Zweisprachigkeit bekommt auf diese Weise eine metasprachliche Funktion. – In beiden Fällen geht es um eine spezifisch literarische Erkenntnisleistung: um die Darstellung der Koexistenz und Interferenz der Diskurse, Sprachen und Kulturen sowie um die Aufdeckung der verschwiegenen und verdrängten Mehrsprachigkeit der Region.
Nach wie vor ist die Lyrik in unterschiedlichen Spielarten, Thematiken und Verfahrensweisen sehr stark verbreitet. Erfreulicherweise ist aber auch auf dem Gebiet der literarischen Prosa eine kleine Konjunktur zu erkennen; es gibt einige Entwicklungen, auf die ich abschließend hinweisen möchte. Zu nennen sind hier z. B. Herman Germ,Vinko Ošlak, Jože Blajs, Anita Hudl, Jozej Strutz, Kristijan Močilnik, Janko Ferk und Martin Kuchling, der 1998 mit einem Lyrikband, Okamenela sled (Die versteinerte Spur), debütierte und zwei Jahre später mit seinem Roman Iskanje Nataše (Die Suche nach Natascha) Aufsehen erregte.
Bei diesen Autoren ist auch die Trennung zwischen gesellschaftskritischem und ästhetisch ambitioniertem Anspruch nicht mehr so ausgeprägt, und gerade in der Kurzprosa sind die Sammlungen auch sehr unterschiedlich. Lässt sich vielleicht behaupten, dass bei Močilnik noch ein stärkeres Engagement hervortritt, mit seinem Buch In kri jim tekne kakor malinovec … (Und das Blut schmeckt ihnen wie Himbeersaft, 1984), so ist dies bei Blajs, Strutz, Ferk oder Kuchling nicht mehr so offensichtlich. Ferk etwa bezieht sich in seinen Prosabänden Der verurteilte Kläger (1981) oder Landnahme und Fluchtnahme (1997) stärker auf die literarische Moderne (Kafka, Nouveau Roman, Experiment), was besonders in seinen autoreflexiven „Satzsammlungen“ und „Ein-Satz-Texten“ zum Ausdruck kommt.
Bereits in seinem ersten längeren Prosatext, dem Roman Der verurteilte Kläger, zeigt sich Ferks Neigung zum Absurden, zur Groteske und zur Ironie. Die Preise, die der damals knapp zwanzigjährige Autor vom Bundesministerium für Unterricht und Kunst und von der Kärntner Landesregierung erhielt, führten in Kärnten zu einem regelrechten Skandal; bemerkenswert war auch die Leserbriefflut, als ihm 1982 ein Arbeitsstipendium des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst zugesprochen wurde.
Interessanterweise bezieht sich auch Kuchling in seinem Roman auf Kafka; sein Held trägt den Namen Gregor Samsa, nach dem Protagonisten von Kafkas Verwandlung. Darüber hinaus ist der Roman ein Beispiel für das uralte epische Thema der Queste, der Suche des Protagonisten, in diesem Fall im Rahmen einer gescheiterten Liebesgeschichte.
Am Ende dieses Überblicks über die neuere slowenische Literatur in Kärnten bzw. über die Literatur slowenischer Autorinnen und Autoren in Kärnten zeigt sich somit – und das ließe sich mit Hinweisen auf die deutschsprachige Lyrik von Maja Haderlap, Fabjan Hafner, Jani Oswald oder Rezka Kanzian noch ergänzen –, dass wir es mit einer Literatur zu tun haben, die nicht mehr allein mit dem Etikett „slowenische Literatur“ zu definieren ist. Als zweisprachige Literaten – „who can move either way“, wie der walisische Autor Raymond Williams von seinen schreibenden Landsleuten behauptet – nehmen sie, sogar wenn sie ausschließlich auf slowenisch schreiben, wie die Lyrikerin Cvetka Lipuš oder die Prosaisten Jože Blajs und Martin Kuchling, mit ihren Texten an beiden Literatursystemen teil, unabhängig davon, dass sich (ihre) Literatur als ästhetische Praxis letztlich ohnehin nationalen Begründungszusammenhängen entzieht.

9. Exkurs zum 19. Jahrhundert
Von den vier slowenischen Teilkulturen, die aus dem Zerfall und der darauffolgenden einzelstaatlichen Entwicklung der Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie hervorgingen und deren unterschiedliche kulturpolitische Konstellation auch von den regionalen Nachbarschaftsverhältnissen mitbestimmt wurde, ist mit der slowenischen in Kärnten gerade jene Kultur besonders exponiert, der aus historischen Gründen eine zentrale ethnokulturelle Symbolfunktion für den gesamten slowenischen Sprachraum zufällt, denn das frühmittelalterliche Fürstentum der Karantaner Slawen und die bis ins 15. Jahrhundert noch in slowenischer Sprache vollzogene Herzogseinsetzung am Zollfeld sind wesentliche Elemente des slowenischen kulturellen Gedächtnisses beiderseits der Karawanken.
Schon vor der territorialpolitischen Aufteilung des gemeinsamen slowenischen Kulturraums entwickelten die drei städtischen Zentren des slowenischen Kulturbetriebs im 19. und 20. Jahrhundert, Ljubljana/Laibach, Klagenfurt/Celovec und Triest/Trst, kulturpolitische Schwerpunkte, von denen insbesondere die regionalen slowenischen Kulturen in Kärnten und Italien noch heute zehren. So etwa wurde in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts – eine Folge des kulturellen und politischen Aufbruchs im Vormärz – Kärnten aufgrund der Aktivitäten und Vorarbeiten der Publizisten, Pädagogen und Theologen Anton Martin Slomšek, Matija Majar Ziljski, Anton Janežič und Andrej Einspieler zu einem publizistischen Zentrum der slowenischen Kultur. Der von einem Proponentenkomitee unter der Leitung von Janežič und Einspieler von Kärnten aus initiierte Aufbau eines slowenischen Verlags- und Zeitschriftenwesens trug entscheidend zur Entwicklung des slowenischen Nationalbewusstseins bei: die kulturelle Identität wurde damit zur Vorläuferin und Voraussetzung nationaler Identität und Emanzipation. 1851 wurde in Klagenfurt einer der heute ältesten Verlage Österreichs gegründet, der Verlag Hermagoras/Mohorjeva, der durch seine Zeitschriften und buchklubmäßige Distributionsform eine riesige Leserschaft erreichte. In seiner besten Zeit, bis zum Jahr 1918, wurden an die damals mehr als 90.000 Mitglieder im Rahmen der jährlichen „Büchergabe“ (knjižni dar) über 16 Millionen slowenische Bücher ausgeliefert. Zur traditionellen Literatur vor allem des Hermagoras Verlags gehören auch einige Zeitgenossen der neuen Kärntner Literatur von 1960, wie etwa der Erzähler Kristo Srienc und die Lyrikerin Milka Hartman, während sich die politisch engagierte Literatur Janko Messners oder Valentin Polanšeks und anderer vorwiegend im Programm des zweiten Kärntner slowenischen Verlags, Drava, versammelte, sofern sie nicht in Slowenien selbst oder beim slowenischen Verlag in Triest erschien. Der im Jahr 1987 gegründete Wieser Verlag verfolgte von Anfang an ein stärker auf internationale Provenienz ausgerichtetes Programm.
Von einer kontinuierlichen literaturhistorischen bzw. epochengeschichtlichen Entwicklung, wie sie etwa bei der deutschen, englischen oder französischen Literatur zu erkennen ist, lässt sich bei der Kärntner slowenischen Literatur nicht sprechen. Aufgrund der kolonialen Situation und des Fehlens einer nationalstaatlichen Tradition zeigt sich eher das Prinzip der Verkettung von traditionsstiftenden Ereignissen, Symbolen und Themen des kollektiven Gedächtnisses und deren permanente Reflexion im historischen Prozess. Schon im frühen 19. Jahrhundert hat der Kärntner slowenische Dichter, Übersetzer, Sprachwissenschaftler, Ethnologe und Theologe Urban Jarnik, Mitarbeiter der anfänglich durchaus bikulturell offenen Kärntner Zeitschrift Carinthia (1811 ff.), in seiner denkwürdigen Schrift Andeutungen über Kärntens Germanisierung (veröffentlicht 1826) auf eine Reihe solcher identitätsstiftenden Elemente hingewiesen, freilich bereits unter dem Gesichtspunkt des unaufhaltsamen Schrumpfens des Sprachgebietes.
Dieser kultur- und identitätsgeschichtlichen Situation entsprang das Gründungskonzept des Verlags Mohorjeva/Hermagoras, wodurch Klagenfurt/Celovec zum publizistischen Zentrum der slowenischen Kultur im 19. Jahrhundert wurde. Allerdings sollte die damals entwickelte ästhetische Position fast ein Jahrhundert lang das slowenische Kulturverständnis dominieren – als Defensivstrategie gegen den Assimilationsdruck. Kultur- und nationalitätenpolitisch übersetzt, ging es den Gründern des Verlags darum, die Voraussetzungen für eine ethnokulturelle Kommunikationsgemeinschaft zu schaffen, durch den Bezug auf den entscheidenden Gründungsmythos der „Kleinen Kultur“: die Konstruktion einer nationalen Identität durch die Literatur bzw. Schrift. Dass dieses Instrument bald stumpf wurde bzw. zu einer apolitischen Haltung beitrug, hängt nicht zuletzt mit der restaurativen Ablösung des Protestantismus durch den Katholizismus zusammen. Aufgrund der demographischen Situation an der Peripherie des slowenischen Sprachraums und im Hinblick auf den minoritären Status der slowenischen Kultur erschien es den Vätern des slowenischen Verlagswesens daher zunächst wichtiger, Themen und Verfahrensweisen der erbaulichen Massenliteratur und der volkstümlichen Tradition gegenüber der Kunstliteratur zu privilegieren. Dieses kanonisierte Prinzip funktionierte bis zum Ersten Weltkrieg und spendete auch in der düsteren Phase der Zwischenkriegszeit und des Nationalsozialismus noch Trost, obgleich es bereits pure Evasion darstellte.

Bibliografische Hinweise zur Einleitung
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Literatura brez mejá, ohne Grenzen, senza confini. Literatura iz prostora Alpe-Jadran. Literatur aus dem Alpen-Adria-Raum. Letteratura della regione Alpe-Adria. Izd. / hrsg. von / a cura di Jozej Strutz / Peter Rustja. Celovec/Klagenfurt, Ljubljana/Laibach, Wien/Dunaj, Mohorjeva/Hermagoras, 2000.

Die Kärntner Slovenen 1900-2000. Bilanz des 20. Jahrhunderts. Hrsg./izd. Andreas Moritsch. Red. Betreuung/uredila Tina Bahovec. Klagenfurt/Celovec, Hermagoras/Mohorjeva, 2000 (Unbegrenzte Geschichte/Zgodovina brez meja, Bd/zv. 7). – Koroški Slovenci 1900-2000. Bilanca 20. stoletja. Izd. Andreas Moritsch. Ur. Tina Bahovec. Celovec, Mohorjeva, 2000 (Unbegrenzte Geschichte/Zgodovina brez meja, Bd/zv. 8).

Das österreichisch-italienisch-slovenische Dreiländereck. Ursachen und Folgen der nationalstaatlichen Dreiteilung einer Region. Hrsg./izd. Tina Bahovec, Theodor Domej. Klagenfurt/Celovec, Hermagoras/Mohorjeva, 2006.